Guter Umgang mit schlechten Diagnosen

Mein Segen: Ein Stock. Mein Fluch: Der gleiche Stock.

Wenn man neurologische Schwierigkeiten hat, torkelt man vielleicht. Das liegt dann daran, dass die „Telefonleitung“ von den Füßen zum Gehirn nicht gut funktioniert. Das ist im Alltag wirklich ätzend. Doch eines Tages war alles plötzlich so leicht. Durch einen Gehstock habe ich mir schlagartig alle dummen Sprüche und schrägen Blicke vom Hals gehalten. Plötzlich war alles offensichtlich. Keiner kam mir mehr mit der abfälligen Vermutung, ich sei betrunken.

Zugegeben, manchmal sehe ich auch wirklich aus, als käme ich gerade vollgetankt aus meiner Stammkneipe. Und das morgens. Sieht oft lustig aus, aber nicht immer kann ich darüber lachen.

Die Idee nach dem Gips

Die Idee kam mir, als ich nach einem Fußbruch gerade den Gips abgenommen hatte, aber noch mit Krücken laufen musste. Ich war eingestellt auf die gleichen verwirrten, oder abfälligen Blicke wie immer, aus Routine senkte ich den Blick und drehte die Musik auf meinen Ohren lauter – aber nichts davon. Eine Krücke braucht man nicht zu erklären. Ohne wirklich aufzuschauen, gingen Menschen aus dem Weg, nahmen Rücksicht, machten Platz.

Dieses Gefühl wollte ich mir bewahren und kaufte einen Gehstock. Es war so fantastisch und so leicht. Endlich brauchte ich mir keine Gedanken zu machen, ob andere gerade mit den Augen rollen.

Irgendwann nahm ich den Stock nicht mehr nur gelegentlich als Zeichen für andere, sondern erleichterte mir immer öfter auch das Leben, wenn gerade niemand zusah. Mit 3 Beinen geht man doch irgendwie stabiler. Eines Tages fiel mir dann aber auf, dass ich deutlich schlechter gehe, wenn ich den Stock dabei habe. Ich benehme mich teilweise wirklich wie ein rostiger Rentner, wenn ich mit Stock aufstehe. Das war besonders auffällig nach meinem letzten Training. Während der Übungen fühlte ich mich fit und beweglich wie ein Triathlet vor dem Start, kaum geduscht und angezogen aber, mutierte ich durch den Stock wieder zum Kranken, der mühsam Schwung holen muss bei Aufstehen.

Der Mittelweg

Ich habe mir angewöhnt, immer wieder die Hand zu wechseln, in der ich den Stock halte, den Rhythmus zu variieren und natürlich immer öfter ihn ganz zu Hause zu lassen.

Das Gute am Stock: Er zeigt anderen, dass ich krank bin.

Das Schlechte: Er zeigt es auch mir.

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