Guter Umgang mit schlechten Diagnosen
Ich helfe Ärzten – und plötzlich hatte alles einen Sinn

Ich helfe Ärzten – und plötzlich hatte alles einen Sinn

Der Tag der Diagnose hängt auch nach Jahren noch an mir. Er ist in meinen Schlaf geglitten und taucht immer wieder in Albträumen auf, sitzt als Ohrwurm und als Muskelverhärtung in mir. An dem Tag, an dem mir der Arzt die Diagnose „Friedreich Ataxie“ – eine ernste neurologische Krankheit – überbrachte, brach meine Welt zusammen. Fast schlimmer als das „Was“ war das „Wie“. Der Arzt warf die Worte einfach hin. Die Art, WIE er die Diagnose überbrachte, kümmerte ihn überhaupt nicht. Dadurch zerbrach mein Lebenswille – wie aus Glas.

Eine Diagnose ist mehr als die Summe ihrer Wörter

Ich habe zahllose Psychotherapiestunden und mehrere Jahre gebraucht, um mich von dieser Diagnose zu erholen und mich auf die Suche nach Ärzten zu begeben, die meine Diagnose nicht ganz so fatalistisch, so unverrückbar betrachteten. Einige Sätze helfen mir bis heute:

Vielleicht bin ich ja der Erste, der eine Heilung findet

Vielleicht ist die Forschung in 1-2 Jahren ja bereits so weit

Vielleicht hat jemand schon die Therapie entwickelt und die hier wissen es nur noch nicht

Ist das naiv? Möglich. Ist das motivierend? Aber hallo! 

Warum viele Ärzte Diagnosen nicht gut vermitteln können

Nun, ich mache mir keine Illusionen über die Härte des Klinikalltags für Ärzte und mir liegt nichts daran, alle Ärzte über einen Kamm zu scheren. Viele schieben zahllose harte 10-12 Stunden-Schichten hintereinander und müssen dann noch bei all den Einzelschicksalen emotional gefestigt bleiben. Hinter jeder Ecke lauert dann da noch die Rechtsprechung, denn wenn man als Arzt den Patienten unbegründet Hoffnung macht, kann man belangt werden. Das ist brutal schwer.

Hinzu kommt: Meine ersten Gespräche mit interessierten Ärzten ergaben, dass innerhalb eines 12 Semester dauernden Medizinstudiums das Überbringen schlechter Nachrichten in der Regel insgesamt 2 (in Worten: zwei!) Zeitstunden geschult wird. Also 2 Stunden in 6 Jahren? Klar, dass da keine Empathie-Experten daraus erwachsen können.

Diagnosen überbringen lernen

Vor einigen Tagen durchzuckte mich eine Idee: Was, wenn ICH den Ärzten beibringe, wie man schlechte Diagnosen respektvoll überbringt? Damit meine ich nicht, dass man als Arzt diffus reden sollte, oder noch schlimmer, die Unwahrheit sagt, Dinge beschönigt, um Patienten nicht zu verstören. Das ist natürlich nicht hilfreich. Aber es gibt in meinen Augen einen Mittelweg. Kostprobe gefällig?

Der Arzt sagte damals zu mir:

„Naja, Sie haben die Friedreich Ataxie. Sie werden die 40 Jahre wohl nicht erleben, aber wenigstens können Sie sich ja jetzt darauf einstellen. In 3 – 4 Jahren sitzen Sie im Rollstuhl. Therapie und Heilung gibt’s leider nicht.“

Der absolute Tiefpunkt in meinem Leben. Er hätte es auch so sagen können:

„Sie haben die Friedreich Ataxie. Das ist eine sehr ernste Sache und Sie werden hart an sich arbeiten müssen, um gesund zu bleiben und nicht in ein paar Jahren im Rollstuhl zu sitzen. Ich gebe zu, ich kenne keine Therapie, aber die suchen wir jetzt.“

Juristisch und sachlich einwandfrei. Hätte mir den Spaß am Leben erhalten. Das wäre nett gewesen.

Egal, ob man jetzt große Stücke auf Motivation hält oder nicht: Auch Hardcore-Schulmediziner werden mir zustimmen, dass mit der richtigen Einstellung und Hoffnung, jede noch so unwahrscheinliche Heilung wahrscheinlicher wird.

Eine abgefahrene Pointe

Wenn ich es schaffe, andere Patienten vor schlecht überbrachten Diagnosen zu bewahren, hätte meine Geschichte eine abgefahrene Pointe. Darum werde ich jetzt die Idee weiterverfolgen und Weiterbildungen für Ärzte anbieten, Möglichkeiten für eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten suchen, damit niemandes Lebenswille mehr an schlecht gewählten Worten zerbricht.

Unmöglich? Abwarten.

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Ich bewerbe mich mit dieser Idee beim Award „Dein Weg“, ausgeschrieben von der ERGO Versicherung. Hier werden Selbstverwirklicher prämiert. Das fand ich spannend und passend. Drückt mir die Daumen…

2 Responses to Ich helfe Ärzten – und plötzlich hatte alles einen Sinn

  1. Sonja sagt:

    Finde ich gut,
    ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg!

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