Guter Umgang mit schlechten Diagnosen
Nur gut gemeint? Wie man mit Idioten umgeht

Nur gut gemeint? Wie man mit Idioten umgeht

Bei meinem heutigen Morgen-Ritual mit Tagesplan und grünem Tee fiel mit das Thema wieder ein, über das ich schon lange schreiben wollte.

Sie sind überall. Sie lauern auf mich mit einem dummen Spruch, wenn ich gerade gar nicht an meine eigenen Defizite gedacht hatte, sie machen einen blöden Witz über meine Krankheit, oder erzählen mir mit gefährlichem Halbwissen ungefragt von irgendeiner Medizin, die sie irgendwo mal gehört haben: Idioten.

Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre eine offen sichtbare Erkrankung eine Einladung, direkte Kommentare abgeben zu dürfen.

Meine Highlights:

–          „Sind Sie nicht ein bisschen jung für einen Gehstock?“

–          „Haben Sie gesoffen, oder sieht das immer so aus?“

–          „Haben Sie schon mal Kräuter aus der Mongolei ausprobiert? Die helfen immer. Doch, doch, ich gebe Ihnen mal die Nummer meiner Nachbarin.“

Mir scheint: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Doch was tun?

Mein erster Lösungsansatz war: Böse schauen. Klappt ganz gut aber irgendwann war ich halt ein mürrischer, erstaunlich junger Rentner mit Gehstock. Kein idealer Ruf und auch meine Laune begann zu leiden.

Mein zweiter Lösungsansatz war: Schlagfertig antworten. Klappt nicht. Bevor mir etwas Cooles einfiel, war die Situation schon wieder vorbei. Ein Idiot in der S-Bahn zu mir: „Warum läufst du denn so seltsam?“ Meine Antwort nach kurzer Bedenkzeit: „Selber.“

Besser war die Haltung, wie in einer Hamburger Redensart: Gar nicht ignorieren. Die Sprüche konnten mir ja eigentlich komplett egal sein. Auf die ganzen Sprüche und Blicke jedes Mal eine pfiffige Antwort zu haben, war mir irgendwann viel zu anstrengend. Meine Mentaltrainerin riet mir: „Nicht in Resonanz gehen“ und meinte: Abschotten. Seit dem habe ich in sehr gute Kopfhörer investiert und mir eine Bewegung angewöhnt, die mir selber sagt: „Vergiss‘ die!“ – ein von außen kaum wahrnehmbares Schulterzucken. Diese Bewegung holt mich immer wieder gut in meine Welt zurück, wenn ich mal den Kommentaren von anderen nachhänge.

Ich bin überzeugt, wenn man das eine Zeit lang trainiert, passiert folgendes: Man strahlt es auch aus. Seit sehr langer Zeit habe ich keinen Spruch mehr bekommen, weil ich, glaube ich, schon mit Blick und Körperhaltung zeige: Es ist mir wurscht, ob ihr was sagt. Das ist sehr befreiend.

Manchmal passiert es dennoch, vor zwei Wochen zum Beispiel. Ich zittere meinen Weg die dunklen Stufen eines Theaters herunter und stakse umständlich durch die Reihe zu meinem Platz. Der füllige Scherzkeks auf dem Nebenplatz zu mir: „Mit Gehstock? Warum nur? Ist doch peinlich.“ – Kühl meine Antwort: „Gut erkannt. Aber ich bin ein Prophet.“

Idiot.

 

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