Guter Umgang mit schlechten Diagnosen
Dem Drachen entgegen: Auf die Treppen!

Dem Drachen entgegen: Auf die Treppen!

In diesem Jahr möchte ich mich konsequent meiner Angst mit einer seltenen neurologischen Erkrankung stellen. Ich habe dieses Jahr daher zu meinem persönlichen Jahr des Drachen ausgerufen.

Ich habe Ende letzten Jahres eine grandiose Physio-Therapeutin gefunden, die zum Glück von Samthandschuhen noch nie was gehört hat und mit jeder Pore ausstrahlt: „Klar können Sie gesund werden. Sie müssen sich nur total abrackern!“ Achso.

Ich habe ihr von meinem Jahr des Drachen erzählt und gesagt: „Wenn ich Ende 2015 angstfrei Treppen laufen kann, war das das bis dahin schönste Jahr meines Lebens.“ Also haben wir mit den ersten Übungen an der Beinpresse angefangen. Auch hohe Gewichte sind kein Problem. Die Kraft ist also da.

Dann haben wir geübt die Füße gezielt zu setzen. Geht (wenn ich nicht zu sehr darüber nachdenke) auch. Die Koordination ist also eigentlich auch da. Was mir aber im Weg steht, ist die Angst. Beim Runtergehen auf Treppen habe ich Angst zu fallen. Das ist zwar noch nie passiert, wäre aber auch äußerst ungünstig.

Ich habe gemerkt, auf den Treppen siegt die Angst in mir hoch und kontrolliert damit meinen Körper. Ich gehe leicht nach vorne gelehnt, strecke die Beine sofort durch, sobald ich Kontakt auf einer Stufe habe und habe immer eine Hand verkrampft am Geländer mit dem Gedanken: „Bloß nicht fallen, bloß nicht fallen…“ Das klingt jetzt vielleicht nicht sehr elegant, ist es auch nicht. Durch meine Ängstlichkeit aber ist mein Gehen wirklich gefährlich und wirkt, als wäre ich der Roboter C3-PO aus „Starwars“, der dringend auf Klo muss.

Meine Physiotherapeutin sagte aber nach ein paar Übungen: „Das ist doch alles Kindergarten hier. Ziehen Sie sich mal was über, wir gehen ins Treppenhaus.“ Die Angst und der Schweinehund in mir schrien auf: „Kreisch! Die wiegt nicht mal 50 Kilo! Die kann dich doch nie halten und du wirst stürzen und sie mit hinabreißen!“ – Da stand ich aber schon auf der ersten Stufe.

Die vielen Bauarbeiter, die im Treppenhaus gerade Pause machten, bildeten ein interessiertes Publikum, aber egal. Durch die Tipps der Physiotherapeutin habe ich wahnsinnig viel, auch über die Angst gelernt. Wenn man sich der Angst stellt und bewusst dahin geht, wo es weh tut, wird es leichter. Für mich hieß das: Das untere Bein wirklich zu belasten, darauf zu vertrauen, dass es mich hält. Den Rücken gerade und den Blick hoch und dann in einer fließenden Bewegung runter.

Hat das immer geklappt? Nö. Aber manchmal? Verdammt, ja!

Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie breit mein Rücken war, nachdem ich mich so bewusst meiner Angst gestellt habe und auf einmal ist jede Treppe eine super Chance, mich selber stolz zu machen. Drachen, sieh dich vor. Ich bin auf dem Weg zu dir…

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