Guter Umgang mit schlechten Diagnosen

Tabus abschaffen – Das muss man üben

Ich bin Ostfriese, Mann und habe eine seltene neurologische Krankheit.

Das sind viele Gründe, nicht viel zu reden. Warum sollte ich auch? Meine Krankheit wird vom Reden nicht weniger, ich habe die Hintergründe schon 10.000 mal erklären müssen und es zieht mich runter, darüber zu sprechen. Meine Mitmenschen registrieren das natürlich und halten sich zurück.

Der Elefant

Das Dumme ist nur: Irgendwann steht da so ein Elefant im Raum, über den sich keiner zu sprechen traut. Keiner wagt es zu fragen, wie es gerade geht, oder was mich beschäftigt. An guten Tagen denke ich „Cool, die denken da gar nicht dran, sonst würden sie meine Krankheit ja ansprechen.“ An schlechten Tagen denke ich „Na toll, denen ist es egal, sonst würden sie meine Krankheit ja ansprechen“. Der Elefant wird immer dicker und geht einfach von alleine nicht. Und wenn ich ehrlich bin, denke ich sowieso die ganze Zeit an die Krankheit. Dann möchte ich wenigstens nicht auch noch die ganze Zeit darüber nachdenken, ob andere auch darüber nachdenken. Und so weiter.

Mit der Pipette

Man kommt da tröpfchenweise raus. Nicht mit jedem möchte man ein trauriges Sozialarabeiter-Gesicht machen: „Du, ich muss dir da mal was Ernstes erzählen“, sondern eher mal hier und da was Augenzwinkerndes über die eigene Gesundheit zuwerfen. Ich habe meinen Kollegen auf einem schaukeligen Schiff mal zugerufen: „Welcome to my world!“ Oder einfach anerkennend zu Freunden gesagt: „Wow, das sieht echt elegant aus, wie du das machst.“ – So schrumpft die Sorge der Mitmenschen, das Offensichtliche anzusprechen und noch was passiert: Die eigenen Antworten werden pointierter und schlagfertiger. Über schwere Themen zu reden kann jeder üben und es wird immer leichter.

Mit dem Holzhammer

Man kommt da auch mit einem Wumms raus. Mit meinen besten Freunden habe ich es schon vor Jahren in einem ernsten und langen Gespräch direkt aus dem Weg geräumt: „Jungs, ich habe gemerkt, irgendwie traut sich keiner, über meine Gesundheit zu reden. Ich möchte euch sagen, dass ihr mich immer alles fragen könnt. Bitte nicht warten, sondern raus damit, ja?“ Danach haben wir eine Stunde lang darüber gesprochen, gemeinsam geheult und dann war erst mal gut. Sie wussten aber dann, dass sie sich immer wieder auf das Gespräch beziehen können.

Tabu ist tabu

Die Mitmenschen um einen rum, merken ja genau wie man auf ein Thema reagiert. Wenn man die Krankheit zu einem Tabu macht und nur alle zehn Jahre darüber spricht, staut sich auf allen Seiten so viel an, dass das Gespräch eigentlich schief gehen muss. Wenn man aber immer wieder in kleinen Portionen über das Thema Gesundheit spricht, nutzen einige vielleicht heute die Gelegenheit, andere später. Es nimmt auf jeden Fall sehr viel Druck raus.

Noch etwas: Ein klares Versprechen kann viel helfen. – Alle Freunde sollen immer, wenn sie zur Gesundheit etwas zu sagen haben, dies direkt tun. Immer. Keine Ausnahmen. Denn dadurch entsteht etwas Wunderbares:

Wenn sie gerade nichts zur Gesundheit sagen, haben sie dazu auch gerade nichts auf dem Herzen. Sehr entspannend.

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