Guter Umgang mit schlechten Diagnosen
Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen…

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen…

Da ich die neurologische Krankheit Friedreich Ataxie habe, stolpere ich so durch das Leben. Die „Telefonleitung“ meines Gehirns zu meinen Füßen ist defekt. Das sorgt für eine Menge spektakuläre und unterhaltsame Stunts, oft harmlos. 

Schwere Krankheiten werden manchmal leichter, wenn man es leicht nimmt, so scheint es mir. Ich musste erst lernen, darüber lachen zu können, was mir so alles passiert. (Wer mehr dazu lesen will, dem sei mein Buch empfohlen).

Die Krankheit macht leider keinen Urlaub

Das wäre schön: Man muss nur im Alltag gegen Krankheiten kämpfen. Am Wochenende und im Urlaub kann man sich ausruhen. Bei mir hieße das: Alle Schritte sitzen, alle Griffe kommen koordiniert, ich könnte Treppen ganz normal runtergehen.

Wäre schön. Ist aber nicht. Schade.

Im Gegenteil: Da ich aus meinen Routinen heraus kam, war ich teilweise deutlich weniger fit als vorher. Ohne die stützende Hand meiner Frau wäre ich total aufgeschmissen gewesen und hätte Griechenland nur vom Balkon aus gesehen.

Das nervt natürlich. Die mitleidigen Blicke anderer Touristen an den Treppen konnte ich ja noch wegblenden, aber als ich in Badehose am Strand über die Liegen einer amerikanischen Familie fiel, war es nur noch mittelmäßig witzig für mich.

Es geht immer noch schlimmer

Folgende Szene ist auf der Rückweg passiert und eigentlich doch ganz lustig, wenn ich ehrlich bin:

Wir mussten mit Fähren von der Insel wieder runter zum Flughafen. Die ist zwar riesengroß und relativ (!) stabil auch bei Wellengang, aber das Betreten des Schiffs mit Koffer, Gehstock und einer schlechten Koordination – das ist ein bisschen Glücksspiel. Als wir ablegten dünkte mir: Da komme ich nie heile wieder runter.

Der Plan war gut

Meine konstruktive Frau kurz vor dem Anlegen der Fähre bereits im Menschengewusel an der Rampe: „Du bleibst hier, ich bringe erst die Koffer von Board, dann hole ich dich!“

Ich antworte möglichst lässig und würdevoll: „Kein Ding“ und halte mich an irgendeinem Stab an der Wand fest. Es beginnt zu ruckeln und schwanken. In der Menschenmenge sehe ich den sorgenvollen Blick meiner Frau. Ich nicke beruhigend, merke aber, dass mein Griff irgendwie rutschig wird. Also schraube ich meine Hand noch fester um den Stab. Ich sehe an meiner Hose große Flecken „Seltsam, hier ist es doch gar nicht nass“. Irgendwann auch auf meinem Shirt und mein Arm glänzt. Spätestes als es mir die Stirn runterlief wusste ich:

Ich stehe unter einem Bindfaden aus Schiffsöl.

Meine Frau quietscht: „Was ist denn mit dir passiert?“ und kann mich nicht mehr anfassen, weil ich stinke wie eine Schiffsschraube und ich kann mich auf dem Stock nicht mehr abstützen, weil er wie in Öl getaucht ist und ich ständig abrutsche. Ich gehe also wie Donald Duck oder John Wayne, der mal dringend muss.

Keine Klos bis zum Flughafen, dort dann keine Seife mehr da. Eigentlich erstaunlich, dass die mich überhaupt nach Hause wieder mitgenommen haben.

Und am Ende?

Nach 23 Stunden Reise und einer sehr ausgiebigen Dusche lag ich im Bett und habe mich mit meiner Frau kaputtgelacht. Eigentlich: Nix passiert. Wenigstens wird es mit mir nicht langweilig.

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2 Responses to Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen…

  1. Stefan sagt:

    Wow, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber Ihre Stimme im Text klingt nach „alles nicht so schlimm“. Meinen Respekt!

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