Guter Umgang mit schlechten Diagnosen
Krankheit, ich hasse deine Vorteile

Krankheit, ich hasse deine Vorteile

Liebe Friedreich-Ataxie (So heißt dir Krankheit, die bei mir diagnostiziert wurde),

Wir müssen uns trennen. Ich wäre so gerne gesund und du willst alles lassen, wie es ist, so geht das nicht weiter.

Wir müssen uns trennen

Ich habe Jahre gebraucht, um deine Vorteile anzuerkennen. Ich bin zwar nicht geduldig, aber geduldiger. Ich bin zwar nicht fit, aber fitter als je zuvor. Ich habe zwar kein gutes Körpergefühl, aber so ein gutes Gefühl für meinen Körper, wie noch nie. Ja verdammt, du hast Vorteile gehabt.

Ich hasse deine Vorteile

Auch sind alle Menschen nett zu mir, wenn sie meinen Gehstock sehen, sie machen Platz, sie passen auf. Überall werde ich in Schutz genommen. Aber ich habe um diese Vorteile nie gebeten.

Kein Kampf mehr

Seit 11 Jahren bekämpfe ich dich. Psychologie, Mentaltraining, Meditation, Physiotherapie, Logopädie, Personal Training, Klopfen, Homöopathie, Akupunktur und was weiß ich noch alles. Doch jetzt weiß ich nicht mehr wirklich weiter. Wer bin ich eigentlich noch, ohne gegen dich anzukämpfen? 

Vielleicht ist es an der Zeit für was Anderes als Kampf. Nur habe ich noch keine Ahnung, was das sein soll.

Wenn es zu viel ist: Jetzt

Vor einigen Tagen hatte ich den wohl traurigsten Sturz in der Wohnung. Ohne Bedrängnis, ohne Hindernis im Flur. Das Problem war: Ich hatte mein Saxophon auf dem Arm und jetzt ist es kaputt. – Da ist eine Sicherung bei mir durchgebrannt. Ich habe schon viele oft seltsame Stürze hingelegt, mich mal verletzt, oft nicht. Aber mein geliebtes Saxophon? Es reicht. Damit muss einfach jetzt Schluss sein.

Darum bitte ich dich jetzt zu gehen. In den vergangenen Wochen habe ich fleißig trainiert, regelmäßig meditiert und meine Medikamente genommen. Sogar zu beten habe ich angefangen, einfach weil es ja auch helfen könnte. Und was war? Nix war. Alles wie immer.

Also beende ich das jetzt mit dir.

Also wundere dich nicht, wenn ich dich jetzt ignoriere, zumindest eine Zeit lang.

Ich brauche jetzt andere Gedanken in meinem Kopf und in meinem Herz.

Hau ab aus meinen Genen. Hau ab aus meinem Leben.

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2 Responses to Krankheit, ich hasse deine Vorteile

  1. Maya Schwalm sagt:

    Lieber Hendrik
    Ich habe Ihr Buch in „einem Zug“ gelesen, das ich von meiner Tochter bekommen habe weil ihr Sohn Louis, mein vierzehnjähriger Enkel die selbe Diagnose hat wie Sie. Mit diesem Buch ist Ihnen ein absoluter Super-Wurf gelungen!!!
    Es ist hoch spannend und in einem jugendlichen Deutsch geschrieben, dass es grossen Spass macht es zu lesen und man immer noch mehr von Ihnen lesen möchte.
    Es ist für mich wie eine Gebrauchsanleitung die eine mögliche Richtungen aufzeigt und mich dann auf eigene Ideen bringt, wie Probleme angegangen werden könnten. Vielen herzlichen Dank, Hendrik!
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie weiterhin viel Zuversicht und Lebensfreude und grüsse Sie herzlich
    Maya

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