Guter Umgang mit schlechten Diagnosen
Tiefe und Breite der Zeit – Was ich in meinem ersten Jahr als Vater gelernt habe

Tiefe und Breite der Zeit – Was ich in meinem ersten Jahr als Vater gelernt habe

Vater sein ist wohl nie leicht. Aber Vater werden nach einer schlechten gesundheitlichen Diagnose ist eine sehr besondere Situation, die ich mir nicht gewünscht habe. Da prallten dann mein Wunschbild von mir selbst und die Realität mit voller Fahrt aufeinander.

Was ich mir ausgemalt habe

Ich hatte das für mich „normale“ Bild eines Vaters im Kopf und habe permanent abgeglichen, in wie weit ich das gesundheitlich bieten kann. Kind schlafend aus dem Auto tragen? Eher nicht. Kind zur Kita die Treppe runter tragen? Eher nicht. Überhaupt Kind tragen? Eher nicht. In meiner Vorstellung hatte alles, was man so als Vater leisten muss, mit tragen zu tun.

Wer mir geholfen hat

Irgendwann dachte ich dann

Ich kann doch nicht der einzige junge Vater sein, der sich Sorgen macht als Vater nicht alles bieten zu können.

Bin ich auch nicht. Meine Psychologin winkte nur lachend ab: „Da sind Sie in bester Gesellschaft. Jeder Vater macht sich über seine Rolle irgendwelche Sorgen. Geld, Job, Liebe geben können, die richtigen Erziehungsratgeber und wie in Ihrem Fall – Gesundheit.“ Da ist was dran, zumindest nach meinen nicht repräsentativen Umfragen im Freundeskreis. Das hat mich dann direkt sehr entspannt.

Und ich habe durch meine Tochter auch weiterhin (wie auch direkt nach der Geburt) viel gelernt.

Was meine Tochter mir zeigt

  • Kinder erleben nur die Tiefe der Zeit, nicht die Breite. – Es geht um die Tiefe der Erfahrung mit mir, also wie intensiv wir gespielt, gekuschelt und gekichert haben, nicht wie viele Minuten ich de facto körperlich anwesend bin.
  • Kinder bewerten nicht. Ich merke das gerade an der Kita-Gang meiner Tochter. Da bin ich morgens natürlich als Neuer eine Attraktion und dann auch noch mit Gehstock. Aber alle (!) Gespräche in dieser Hinsicht liefen so ab:
    „Hallo.“
    „Hallo.“
    „Warum hast du einen Stock?“
    „Den brauche ich zum Laufen“
    „Ach so“
  • Kinder wollen dich nicht anders. Die versprühen diese unschlagbare Flexibilität und Begeisterung: „Du kannst Fußball/Basteln/Musik? Lass uns loslegen!“ – Nie würde ein Kind wohl sagen: „Wäre aber schon gut, wenn du Fußball/Basteln/Musik könntest“. So wie es ist, ist es famos. Ein sehr gesundes Lebensmotto scheint mir.

Was ich raten kann

Ein Freund gab mir vor der Geburt den entscheidenden Tipp, der mir noch immer hilft:

Mach‘ dir nicht so einen Kopf, es kommt mit dem Kind dann so wie so alles anders.

Stimmte wirklich. Außerdem: Väter, nehmt Elternzeit! Diese Zeit ist mehr wert als alles andere auf der Welt und schweißt euch mit euren Kindern für immer zusammen, mit allen Fehlern, Zweifeln und gesundheitlichen Problemen.

In diesem Sinne: Ich muss jetzt los, meine Tochter zur Kita schieben. Das sieht zwar nicht schön aus, fühlt sich aber sehr schön an!

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